Des Pudels Kern

Mittweidaer Wissenschaftler forschen zur Genetik des Schafpudels. Nominierung für den Sächsischen Transferpreis.

Herr Professor Wünschiers: Herzlichen Glückwunsch, Sie und Ihr Team sind mit Ihrem Forschungsprojekt “Genetische Zuchtforschung beim Schafpudel mit Fokus auf Kryptorchismus" für den sächsischen Transferpreis nominiert. Um was geht es dabei?

Vielen Dank, wir freuen uns sehr über die Nominierung. Zusammen mit Schafpudelzüchtern arbeiten wir an einer Optimierung der Züchtung durch genetische Diagnostik. Wir analysieren dazu bestimmte Bereiche des Erbguts. Unser aktueller Fokus liegt auf einer Erkrankung, genannt Kryptorchismus, bei der während der frühen Entwicklung einer oder beide Hoden nicht oder spät vom Bauchraum in den Hodensack wandern. Unser Ziel ist die Entwicklung eines für die Züchter einfach anzuwendenden Gentests. Sie können so vermeiden, dass betroffene Rüden in der Züchtung eingesetzt werden.

Das klingt sehr speziell.

Stimmt. Aber es ist sehr relevant. Betroffene Rüden zeigen meistens Begleiterkrankungen wie Herzprobleme und Krebs, die sich teilweise erst im späteren Lebensalter zeigen. Zudem kann der Kryptorchismus unerkannt bleiben, wenn die Hoden verspätet doch noch selbstständig in die richtige Position wandern. Darum ist ein genetischer Test so wichtig, gerade bei Schafpudeln. Diese Hütehunde wurden früher von Schäfern genutzt. Heute ist die Population in Europa auf wenige Rudel zusammengebrochen. So fehlt inzwischen der genetische Austausch, was letztlich zu Inzuchtproblemen führt. Die Gesellschaft zur Erhaltung alter und gefährdeter Haustierrassen führt den Schafpudel daher in ihrer Roten Liste bedrohter Nutztierrassen. 

Warum ist der Schafpudel denn so interessant? Gibt es wieder mehr Schäfer in Sachsen?

Nein, das ist nicht der Grund. Aber: Das Interesse am Schafpudel als Familien- und Therapiehund nimmt stetig zu. Das liegt daran, dass er sehr gutmütig und intelligent ist. Das Interesse an Schafpudeln wächst daher bundes- und europaweit stetig. Das Institut für ganzheitliche Zucht im sächsischen Oberseifersdorf züchtet mit 17 weiteren Teams seit über 15 Jahren Schafpudel mit dem Augenmerk, gesunde und rassetypische Merkmale zu erhalten. 

Ihre Partner in diesem Institut haben Sie auch für den Transferpreis vorgeschlagen?

Ja, wir arbeiten seit einigen Jahren mit dem Institut in Oberseifersdorf zusammen. Die Züchterin Mechthild Jennissen-Tibbe (www.schafpudel.de ) hat aufgrund ihrer über 15-jährigen Zuchterfahrung und akribischen Zuchtdokumentation wertvolle Stammbaumdaten in Verbindung mit dem Vorkommen von Krankheiten. Ich vermute, bei der Nominierung schwingt auch unser Engagement mit: Aktuell schreibt Rebecca Prause zu dem Thema ihre Masterarbeit im Studiengang Molekularbiologie/Bioinformatik und mein Doktorand Robert Leidenfrost betreut sie dabei. Wir sind neugierig und brennen für die Hunde. Gemeinsam mit Frau Jennissen-Tibbe konnten wir es auch schaffen, Sachmittel für das Projekt durch Crowdfunding einzuwerben.

Der Preis heißt ja „Transfer-Preis“, das heißt die erfolgreiche Überführung von Wissen aus der Forschung in die Gesellschaft oder die Wirtschaft soll belohnt werden. Wer außer dem Pudel profitiert von Ihrer Forschung?

Wir konzentrieren uns zwar im Moment auf den Schafpudel und den Kryptorchismus, haben aber alle Hunderassen und weitere Erkrankungen im Blick. Es profitieren also primär die Hunde und indirekt auch die Hundezüchter und -halter, die einen Beitrag zum Tierwohl leisten. Wichtig ist auch zu sagen: Die Tiere haben durch unsere Forschung keine Schmerzen. Wir bekommen von den Tierärzten Blutproben der Hunde.

Viele Ihrer Mitbewerber um den Preis kommen aus den Ingenieurwissenschaften oder der Informatik. Wobei ich nicht weiß, wo das Konkurrenzprojekt „Entwicklung einer herzgesünderen Rostbratwurst“ einzuordnen ist. Apropos Wurst. Kommen wir zurück auf Ihr Fachgebiet, die Genetik. Was ist daran so spannend?

Sachsen ist vielfältig – und die Roster sind sicher auch etwas für unsere Hunde. Die Genetik betreibe ich in meiner Forschung vor allem als Erbgutanalyse. Die bietet nicht nur einen Blick in die Vergangenheit eines Lebewesens, sondern auch in seine Zukunft. Und ein recht neuer Zweig der Genetik, die Epigenetik, gibt sehr detaillierte Einblicke in die jüngsten Lebensumstände. Das macht mich alles ganz hibbelig vor Faszination und Neugier.

Gehört ein solches  Fach nicht eher an eine große Universität – und eher nicht an eine HAW? 

In der genetischen und molekularbiologischen Forschung gibt es viel und viel Verschiedenes zu tun, da müssen alle mitmachen. Wir an der Hochschule Mittweida betreiben keine Grundlagenforschung, bei uns steht die biotechnologische Anwendung im Mittelpunkt. Bei uns mündet das Verstehen biologischer Systeme in der Suche nach Lösungen für konkrete Probleme – bei den Schafpudeln und in anderen Fällen. Wir sind eine kleine Hochschule, dennoch kann ich große Themen umsetzen. Dabei führt der ständige Umgang mit den Studierenden in kleinen Gruppen schnell zu einem Dialog, der mich fordert und inspiriert.

In Mittweida kann man Biotechnologie studieren (Studienangebot). Warum soll jemand, der sich für Biologie, Chemie & Co. interessiert nach Mittweida kommen - und nicht an die Uni gehen?

Die Gründe können individuell verschieden sein, aber was mich als Professor reizt, hier zu lehren und zu forschen, sind auch Argumente dafür, hier zu studieren: eine große Freiheit, ein direkter Draht zwischen Studierenden und Dozenten und natürlich die Sichtbarkeit der Arbeit durch den Transfer in die Anwendung.

Eine letzte Frage: Ihre Forschung an den Schafpudeln  ist in das Projekt "Innovative Hochschule - Saxony5” eingebunden. Was bedeutet das?

Das heißt in erster Linie, dass die Partner des Programms in den fünf sächsischen HAW ihr Wissen und ihre Ressourcen gebündelt in Wirtschaft und Gesellschaft transferieren wollen und dabei sowohl miteinander als auch mit Partnern außerhalb der Hochschule zusammenarbeiten (Saxony5). Das Schafpudelprojekt ist ein Beispiel von vielen. Gerade das Thema Gentechnik muss darüber hinaus Gegenstand eines gesellschaftlichen Dialogs sein. Das ist mir persönlich sehr wichtig und das schlägt sich auch in meinen Veröffentlichungen zur Gentechnik nieder.

Zum Schluss noch eine Einladung: Am 22. Oktober 2019 wird es an der Hochschule Mittweida einen öffentlichen Dialog geben unter der Überschrift: “Biodiversität. Was ist das?”. Gemeinsam mit dem NABU-Landesverband Sachsen organisiere ich die Veranstaltung und lade herzlich dazu ein. Es wird auch mindestens ein Schafpudel anwesend sein.

 

Der Sächsische Transferpreis wird am 19. Juni 2019 im Rahmen der futureSAX-Innovationskonferenz in Dresden verliehen. Wir drücken die Daumen!

 

Link zum Forschungsprojekt

Link Genetische Diversität als Teil der Biodiversität

 

Die Fragen stellte Helmut Hammer.